Joan Aiken. Anderland

 Anderland

von Joan Aiken

Das ist auch eines der Bücher, bei dem ich nicht sicher bin, wie es in meinen Besitz gelangt ist (falls es überhaupt wirklich in meinem „Besitz“ ist…). Vielleicht habe ich es bei meiner Großmutter entdeckt, vielleicht bei meinem Vater im Bücherregal. Jedenfalls weiß ich ganz genau, warum ich es sofort mitnehmen und lesen musste, wo auch immer ich es herhabe. Seht Euch dieses Cover an!

Ich weiß, ich bin relativ leicht zu beglücken. Gebt mir ein Bild, ein Gedicht oder eben ein Buchcover, das mit Sommer, romantischen Gärten und tiefblauem Himmel zu tun hat und ich bin erstmal in meiner Traumwelt und höre eine Woche Eva Cassidy und Cat Stevens.

Mit Idylle hat das hier aber nur auf den ersten Blick zu tun. Aber diese erste Blick kann sich sehen lassen: Unverstandenes und zutiefst unterfordertes Halbwaisenmädchen wird warmherzig in den Kreis der Familie Morningquest (what a name) aufgenommen. Die Herrin des Hauses, Mariana Morningquest, ist berühmte Opernsängerin und wird zur Freundin und Ersatzmutter für Pandora, jener eben beschriebenen lebenshungrigen und ehrgeizigen jungen Frau. Ihre richtige Mutter kommt bei einem Besuch bei den Morningquests durch einen Schlaganfall ums Leben.

Pandora steckt das anscheinend ziemlich gut weg (jedenfalls wird im Buch nichts vom Gegenteil berichtet…) und taucht immer tiefer in den Kosmos der Musikerfamilie ein. Der Vater ist weltberühmter Dirigent, die Kinder künstlerisch begabt, jedoch ziemlich egozentrisch. Da gibt es die drei ältesten Jungen, Dan, Barnaby und Toby. Ich kann mich nur an Toby erinnern, die anderen spielten keine wichtigen Rollen. Ich mochte ihn, ich stellte ihn mir als zurückhaltenden, schlacksigen jungen Mann vor, der an der Welt und ihrem Irrsinn verzweifelt. Darin ist er seiner Schwester Selene ähnlich, zu der Pandora nie einen Zugang findet. Selene lehnt sie offen ab. Sie ist besorgt um ihre Stellung als Lieblingstochter Marianas; Für einige der Morningquest Kinder ist es sehr schwer, mit Pandoras Sonderstellung in der Familie umzugehen, hat die erfolgreiche Mutter doch so selten Zeit für ihre eigene Familie…

Ziemlich ungnädig werden die anderen Mädchen von Pandora beschrieben. Elly und Ally, die Zwillinge, sehr schlau und ehrgeizig sind, können das Ruder durch ihre Loyalität und ihren Charme herumreißen und werden zu Pandoras Freundinnen. Dolly, der Heldin altersmäßig am nächsten, hat schlechte Karten, zu tief sitzt die Kränkung, immer eifersüchtig auf Pandora sein zu müssen, wo sie doch nicht mal zur Familie gehört. Eigentlich ist Dolly eine tragische Figur, aber sie konnte auch meine Sympathie, so sehr ich mich angestrengt habe (oder sie sich), nicht erringen.

Pandora hat kaum Zeit, die Familie bis ins Detail kennen zu lernen. Sie bekommt durch sie die Möglichkeit, in Schottland an einer Kunsthochschule zu studieren und zögert nicht lange. Nichts mehr hält sie in der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist, die Wände von Boxal Hill (auch „Anderland“ genannt, das Haus der Morningquests) werden ihr zu eng. Doch einen Haken hat das Ganze: Sie teilt sich ihren ersten selbstständigen Lebensabschnitt mit Dolly. Die Frauen sind so verschieden, dass sie bald in völlig anderen Kreisen verkehren. Bis auf einen significant other man, dem sie beide sehr zugetan sind…

Jetzt hab ich genug gespoilert, ich habe mir wirklich Mühe gegeben, das nicht zu tun, aber es macht einfach Spaß über dieses Buch zu schreiben, ja, das ist ein Buch, das einfach Spaß macht. Die Charakterbeschreibungen sind herrlich, die Atmosphäre gefüllt mit Sehnsucht und der Suche nach dem, was dem Leben Halt und Sinn gibt. Einige Passagen machen einfach glücklich. Pandora beschreibt ihre erste Zeit in Schottland, das erste Mal, dass sie selbst bestimmen kann, was sie tut und wohin sie sich orientieren will:

Während unseres ersten Universitätsjahres kreuzten sich meine und Dollys Wege nicht so oft. Ich war voll und ganz und aufs glücklichste im Anspruch genommen von Kunst, Drama und Literatur. Fast meine gesamte Freiheit verbrachte ich in der Töpferei, im Film-Workshop, dem ungenutzten Lagerschuppen, den wir zu einem Theater umgestalteten, oder im eiskalten Atelier. Während Dolly bis in die Puppen im Bett liegen bleib, stand ich um sechs auf und arbeitete bis spät nachts. Wie ein trockener Schwamm saugte ich Instruktionen, Ideen, Ansichten in mich hinein, wie ein Esel, der wahllos Disteln, Gras und Rübenblätter und sich hineinmampft.“

Ein bisschen schade fand ich, dass die Zwillinge immer nur die Zwillinge bleiben und keine voneinander getrennte Charakterbeschreibung erhalten. Jede für sich hätte großartiges Potenzial. Aber zwischen all den anderen großartigen Seiten des Buches kann ich das verschmerzen. Also, hört ein bisschen Musik aus den britischen Charts der 60er und lasst euch mit auf eine kleine Zeitreise nehmen.

„Hoffnungsvoll zu reisen ist nicht besser. Aber es ist das Einzige, was wir tun können.“

 

– Pandora Crumbe

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