Astrid Lindgren. Kerstin und ich

Kerstin und ich

von Astrid Lindgren

 

Stopp, bevor ihr weiterlest: Bitte öffnet diesen Link: https://www.youtube.com/watch?v=Fm8W2SuKyA8

Schließt die Augen und hört euch das Lied an. Dann seid ihr in der richtigen Stimmung, um folgendes Buch zu genießen:

Ich habe diese Geschichte durch Zufall in einer Kiste mit alten Kinderbüchern bei meiner Großmutter entdeckt. Und irgendwie schien es wie geschaffen für diesen faulen Spätsommertag, für die Holzkiste, in der es lag und für das staubige, vor Hitze flirrende Zimmer, in dem die Kiste stand. So perfekt lag es da, dass ich es fast nicht übers Herz brachte, es von seinem Platz zu entfernen. Aber schließlich siegte meine Neugier. Ein Buch von Astrid Lindgren, von dem ich noch nie gehört hatte, das war ein Gefühl, als hätte ich ein Türchen im Adventskalender übersehen, um es nun mit noch größerer Begeisterung zu öffnen.

Die Geschichte handelt von Barbro (der Erzählerin) und Kerstin, 16-jährige Zwillinge, die in einer Kleinstadt leben und es dort ziemlich öde finden. Deshalb sind sie gleich Feuer und Flamme, als ihr Vater, ein ehemaliger Major, beschließt, den Bauernhof, auf dem er aufgewachsen ist, zu kaufen und mit seiner Familie dort einzuziehen.

Okay, so weit, so galaxienweit entfernt von unserer Welt. Realistisch betrachtet ist das doch alles vollkommener Blödsinn: Ein Ehepaar, das zwar aus einer resoluten, zupackenden Frau und einem grundauf positiven Mann, aber nicht aus erfahrenen Landwirten besteht, plus zwei Gören, die mir-nichts-dir-nichts die Schule abbrechen, kaufen einen Hof, wollen ihn bewirtschaften und davon leben.  Das Buch wurde erstmalig 1945 verlegt, das erklärt wahrscheinlich, warum Kerstin und Barbro ein Landleben als Bäuerinnen einer abgeschlossenen Schulbildung mit Studium vorziehen. Die Feministin in uns beruhigt sich langsam. Aber, liebe Mädchen: Nicht nachmachen! 😃

Es ist herrlich, wie die ersten Wochen auf Lilhamra, so heißt das Gut, beschrieben werden. Out oft the blue stolpern neue liebenswerte Menschen in die Geschichte, der Knecht Johann, die Großfamilie Ferm und Björn und Erik, Wesen des männlichen Geschlechts, die wie durch ein Wunder keine Bauerntrampel sind, sondern gut aussehende, einfühlsame Burschen, einer für jede. Ja, man kann über die heile Welt dieses Buches sagen, was man will, aber es hat so einen unvergleichlichen Charme, dass man ihm nichts übelnehmen kann. Astrid Lindgrens gewohnt flotter und intelligenter Schreibstil sorgt für witzige Dialoge und das Gefühl eines nicht enden wollenden Sommers in Schweden.

 

Dieses Buch ist ein bisschen wie „Ferien auf Saltkrokan“. Es passiert nicht übermäßig viel, und doch genießt man jede Seite und fühlt sich ganz im Stich gelassen, wenn so ein Buch es tatsächlich wagt zu Ende zu gehen. Schuld daran haben unter anderem komisch-traurige Absätze wie dieser:

„Als wir auf den Weg kamen, drehte ich mich um und sah ihn, klein, zuverlässig, freundlich und treu, dort gehen, und plötzlich übermannte mich eine Zärtlichkeit für ihn, und ich rannte, ohne mich erst zu besinnen, zurück, quer über alle Pflugfurchen, und als ich bei ihm ankam, war ich ganz außer Atem.

„Was ist denn jetzt los?“, fragte Johann.

„Johann“, keuchte ich, „ich hab dich lieb, Johann, sehr lieb!“ Und als ich das gesagt hatte, dachte ich: Jetzt muss er ja glauben, dass bei mir eine Schraube lose ist.

„Das fehlte auch noch, dass es anders wäre“, sagte Johann mit seiner üblichen olympischen Ruhe. „War sonst noch etwas?“

„Nein, weiter nichts.“

„Aha“ sagte Johann und schickte sich an, die Pferde abzuspannen, denn es begann dämmrig zu werden.“

Jedem, der gerne eine Geschichte über Sommer, Landleben und die erste Liebe liest, sei das Buch wärmstens empfohlen.

 

 

 

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